hunger

Erkenntnisse und Betrachtungen über Hunger und Unterernährung

 

Prof. Max Becker hat die nachfolgenden Betrachtungen im Sommer 1998 verfasst und dabei auf den grossen Reichtum seiner Erfahrungen und  fundierten Kenntnisse zurückgreifen können, die er sich   als Forscher und Universitätsprofessor unter anderem auf dem Gebiet der   Tierphysiologie und Ernährungslehre erarbeitet hat.

Der Inhalt ist hochaktuell in unserer Zeit des Überflusses und führt direkt zu den grundsätzlichen Gesundheits- problemen, die mit den weit verbreiteten Formen der Fehlernährung verbunden sind.

 

“Der nur scheinbar einfache Begriff HUNGER weist bei näherem Befassen eine Fülle von Aspekten auf, von denen ich einige, m. E. interessante, versuche, darzustellen. Das totale bzw.  teilweise Unterlassen oder Ausschalten der Nahrungseinnahme kann entweder spontan, also eigenwillig oder aber zwangsweise erfolgen. Im letzteren Falle -was hier indessen nur erwähnt und nicht näher erörtert werden soll-  kommen zu den rein physischen Folgen gewisse psychische Momente hinzu.

Absoluter, d. h. totaler Hunger, vor allem über längere Zeit, ist selten; sehr viel häufiger und umfangreicher ist dagegen der partiale Hunger, die Unterernährung, welche meistens nicht eigenwillig, sondern im Notzwang der Begebenheiten vorkommt.In mancher Hinsicht, speziell bei den Auswirkungen, gibt es zwischen Hunger und Unterernährung Analogien und Ähnlichkeiten, doch sind auch Unterschiede vorhanden. Letztere zu erkennen und auszugleichen, kann man -mit einer am Schluss behandelten Ausnahme- das sonst in der wissenschaftlichen Forschung übliche Verfahren des gezielten Experimentes nicht anwenden. Mit Menschen ist dies ausgeschlossen und auch mit Versuchstieren kaum möglich. Doch kann man für die meisten Probleme Erfahrungen in den Fällen der in der Welt von Hunger und Unterernährung betroffenen Personen sammeln.

Vorausschicken möchte ich eine kurze Rekapitulation über Ziel und Zweck der Ernährung. 1) Der Energieaufwand für Leben und Tätigkeit muss abgedeckt werden; hierzu dienen die sogenannten Energieträger, im Wesentlichen  umsetzbare Kohlenhydrate, Fette und manchmal auch Eiweisse. 2) Das Material für Neubildung (z. B. bei Wachstum und Fortpflanzung) und für den Ersatz der verbrauchten Körpersubstanz muss beigebracht werden, was durchweg in substanzgleicher Form geschehen muss. 3) Die Zufuhr von Hilfssubstanzen, sogenannten Stoffen mit Sonderwirkungen, muss gesichert werden, die für den Betrieb des Organismus, insbesondere den Stoffwechsel notwendig  sind.

Innerhalb der Gesamtheit der Lebewesen stellt der Mensch die höchsten und vielfältigsten Ansprüche hinsichtlich der essentiellen Nahrungsstoffe (sie werden nachher besonders aufgezählt!), wodurch auch ein gewisser Unterschied zwischen quantitativer und qualitativer  Unterernährung begründet wird. Bei totalem Fasten spielt ein solcher Unterschied natürlich keine Rolle, jedoch kann es bei Unterernährung eine Unterernährung entweder in Quantität oder in Qualität und auch in beiden Faktoren geben.

Das Alles ist erst zum kleineren Teil im vorigen Jahrhundert, jedoch zum grössten Teil erst in diesem (20.) Jahrhundert erkannt und erforscht worden

Nachstehend wird ein besonderes Beispiel gerade für einen aufschlussreichen Vorgang wiedergegeben.

Im Jahre 1915 führte der deutsche Hilfskreuzer “Kronprinz Wilhelm” im nördlichen Atlantischen Ozean einen erfolgreichen Kaperkrieg durch, in dessen Verlauf zahlreiche feindliche Handelsschiffe erobert und versenkt wurden. Alle Bedarfsgüter für Schiff und Besatzung, u. a. Kohle sowie Nahrungs- und Genussmittel, standen aus den Beständen und Ladungen der Beuteschiffe überreichlich zur Verfügung, wovon nur die feinsten und kostbarsten Materialien übernommen wurden, z. B. für Backzwecke das feinste weisse Weizenmehl. Das hatte unerwartete und ungeahnte Folgen. Noch im selben Jahr erkrankte die gesamte Besatzung ernstlich, sodass das Schiff unverzüglich Boston, den nächstgelegenen Hafen der -damals noch neutralen- Vereinigten Staaten anlaufen musste. Dort wurde die gesamte Besatzung einschliesslich der Führung in Krankenhäusern aufgenommen und behandelt. Als man erkannte, dass die Ursachen der Erkrankungen auf fatalen Mängeln an Vitaminen und Mineralstoffen beruhte, fand dies das höchste Interesse der einschlägigen Wissenschaftler. Es entwickelte sich daraus eine mit grosszügigem Einsatz von Personen und Mitteln betriebene Ernährungsforschung, in deren Verlauf die Vereinigten Staaten die Führung auf diesem Gebiet in der ganzen Welt übernahmen und bis dato  behalten haben.

Hierzu ist zu bemerken, dass am Ende des vorigen und zu Beginn dieses (20.) Jahrhunderts Deutschland in der Ernährungsforschung führend gewesen war, was Namen und Werk der bedeutendsten Forscher auf diesem Gebiet  beweisen. Damals kamen viele Ausländer zu uns, entweder zur eigenen Information oder um sich die Grundlagen für die eigene wissenschaftliche Arbeit zu verschaffen.

Langfristig gesehen, muss dieses Problem, das der qualitativen Unterernährung, äusserst wichtig genommen werden, insbesondere wenn man ganzen hungernden Völkern Nahrungshilfen  gewähren will, was mit Energieträgern allein unzureichend ist. Es werden daher nachstehend die “essentiellen” Nährstoffe aufgezählt, die als lebenswichtig und unentbehrlich angesehen werden. Es sind: Traubenzucker, bzw. zu Glucose umformbare Substanzen; bestimmte Eiweissbausteine(Aminosäuren); bestimmte Fettsäuren, die indessen nur in minimalen Mengen essentiell sind; alle Vitamine, von denen einige eventuell durch zu hohe Zufuhren schädlich sein können; ferner Mineralstoffe, von denen vor allem die Massenelemente Calcium und Phosphorsäure zu nennen sind; schliesslich die ziemlich grosse Zahl von “Spurenelementen”, die u. a. besonders als  Bausteine für die Synthese körpereigener Wirkstoffe, wie Fermente und Hormone, unentbehrlich sind und zum Teil auch im Komplex wirken.

Ein wichtiges Charakteristikum in unseren Erkenntnissen stellt der Umstand dar, dass Menschen und alle Tierarten, seien es Carnivoren(Fleischfresser), Omnivoren(Allesfresser, zu denen auch der Mensch gehört) oder Vegetarier(Pflanzenfresser), infolge des Verzehrs der eigenen Körpersubstanz prinzipiell und unmittelbar zu Carnivoren, also Fleischfressern werden. Diese Umgestaltung des Stoffwechsels wird von den Omnivoren leicht vertragen, nicht dagegen von den reinen Pflanzenfressern. Letztere können daher praktisch überhaupt nicht hungern. Eine Kuh z. B., die über eine Woche lang überhaupt kein Futter erhalten hat, ist dann schon so schwer geschädigt, dass sie nicht überlebt.

Man kann weiterhin den Schluss ziehen, dass die poikilothermen (wechselwarmen) Tierarten -im Volksmund Kaltblüter genannt- Hungerzeiten besser und länger ertragen als andere. Sie müssen  keine Energie aufwenden, die Körpertemperatur konstant zu halten, wie die homoiothermen (gleichwarmen) -im Volksmund Warmblüter genannt- Tierarten. Diese Differenz ist nicht unbeträchtlich, denn Wärmeerzeugung im Körper  erfordert einen erheblichen Energieaufwand und zwar an biologischer Energie, die ihrerseits aus der chemischen Energie der Nahrungsstoffe gespeist wird. Physikalische Energiequellen können vom tierischen Organismus für  solche Zwecke nicht genutzt werden, wohl aber von den grünen Pflanzen, die mittels der Photosynthese aus Licht und einfachstem Material (Kohlendioxyd und Wasser) organische Verbindungen gewinnen.

Es gibt zwar in  einigen Sagen des hohen Mittelalters Berichte, wonach zum Beispiel Parzival und andere begnadete Menschen aus Sonnenstrahlen und aus dem Licht des Grals ihre Kräfte bekommen; doch sind das bestenfalls unrealistische Phantasien.

Als Faktum kann man feststellen,dass Carnivoren am längsten hungern können. So leben zum Beispiel fleischfressende Reptilien und Fische oft monatelang ohne Nahrungsaufnahme und in bestimmten Lebensabschnitten ist dies sogar die Regel. Damit kommen wir zu den im Jahreszyklus bestimmter Tierarten eingehaltenen Perioden der Winterruhe, die gleichzeitig Perioden des totalen Fastens sind. Man kann zwei Formen unterscheiden. Da ist einmal der echte Winterschlaf. Alle Lebensfunktionen kochen gewissermassen auf Sparflamme, d. h. auf sehr niedrigem Niveau. Obwohl es sich durchweg um homoiotherme Tiere handelt, ist auch die Körpertemperatur stark herabgesetzt. Alle Bewegungsaktivität sistiert; der Körper befindet sich in einer Art Starre. So wird der Energieaufwand und folglich auch der Nahrungsbedarf entsprechend vermindert. Der Ablauf des biologischen Phänomens Winterschlaf wird wahrscheinlich -und auch wohl genetisch bedingt- hormonal gesteuert.

Die andere Form der Winterruhe -ebenfalls bei homoiothermen Tieren- erscheint, äusserlich gesehen, dem  echten Winterschlaf ähnlich zu sein und könnte fast mit ihm verwechselt werden. Es handelt sich indessen nur um eine protrahierte Form des normalen Schlafes. So ist z. B. die Körpertemperatur kaum wesentlich vermindert; daher ist der Energieaufwand höher als beim echten Winterschlaf. In jedem Falle muss er aus  den Körperreserven, d .h. im wesentlichen  dem Ferttbestand gedeckt werden

Sehr interessant ist es nun, in welcher Art und Weise der Organismus den Verzehr der eigenen Körpersubstanz realisiert, wenn er gezwungen ist, total zu fasten. Es geschieht dies in einer  jetzt gut bekannten Reihenfolge, von der man den Eindruck hat, sie entspräche einem sehr sorgfältig ausgearbeiteten Plan. Als Erstes wird der Bestand an leicht umsetzbaren Kohlenhydraten verbraucht, der sich z. B. in  der Leber als Glykogen, in der Muskulatur ebenfalls als Glykogen und als Inosit, sowie im Blut und anderen Organen als Glucose vorfindet. Doch reicht dies allenfalls einen Tag lang. Danach wird der Fettbestand  mobilisiert und seine Energie genutzt. Je grösser die Fettreserven sind, umso länger kann die “letzte Reserve”, d. h. der Eiweissbestand geschont werden. Schliesslich wird aber auch seine Energie nutzbar gemacht; dafür gibt es ebenfalls eine spezielle Rangfolge. Die Eiweissstoffe sind -imGegensatz zu den stets einfach gebauten und gleichmässigen Kohlenhydraten und Fetten- von strikt spezifischer Konstitution und zwar entsprechend ihrer physiologischen Bedeutung. Diejenigen unter ihnen, die am wenigsten lebenswichtig sind, wie etwa die Muskeleiweisse, werden nun wenigstens zum Teil als Energielieferanten abgebaut. Dagegen bleibt der Bestand der inneren Organe weitgehend erhalten und der von Herz und Gehirn vollkommen unangetastet.

Zum Abschluss dieser Betrachtungen sind noch einige besondere Aspekte zu behandeln. Es besteht im menschlichen Körper ein  Automatismus, von dessen Auswirkungen Millionen deutscher Bürger und Soldaten am Ende des letzten Krieges(II.Weltkrieg) betroffen wurden und der bei bestimmten Gelegenheiten auch gegenwärtig von Einfluss sein könnte. Es handelt sich um eine mehr oder weniger erhebliche Senkung des Grundumsatzes, wenn in der Versorgung mit Nahrung ein Manko eintritt bzw. herbeigeführt wird. Grundumsatz ist der Energieaufwand für die “innere Arbeit” des Organismus. Es ist erstaunlich und fast unglaublich, wie gross diese Energiemenge, d. h. der Grundumsatz, ist und welch hohen Anteil sie am Gesamtenergieumsatz haben kann.

Eine Senkung des Grundumsatzes führt daher in  jedem Fall zu einer Verminderung des Gesamtenergiebedarfs und spart so etwas an Nahrung. Zweifellos hat dieser Rückgang in den kritischen Jahren unmittelbar nach Kriegsende und besonders auch in den Kriegsgefangenenlagern (in denen durchweg gehungert werden musste) dazu beigetragen, dass die schlimmsten Folgen des Nahrungsmangels etwas gemildert und unter Umständen Menschen am Leben gehalten wurden.

Ein ähnlicher Aspekt, jedoch viel später und in ganz anderem Zusammenhang betrifft die Bestrebungen, das häufig vorhandene Übergewicht von Personen durch systematisches Fasten zur Normalität zurückzubringen. Auch in diesen Fällen ist eine Senkung des Grundumsatzes sicher und wird den Erfolg der Bemühungen wenigstens teilweise in Frage stellen -bestimmt oft zur Enttäuschung der  Betroffenen.Hier muss der Hinweis gegeben werden, dass Gewichtsabnahme durch Fasten die Gefahr der qualitativen Unterernährung mit sich bringt, also die Unterversorgung mit lebenswichtigen Wirkstoffen usw. (s. o.)

Die Frage liegt nun nahe, wie lange ein Mensch bei totalem Fasten überleben kann. Sie lässt sich a priori kaum beantworten. Zu gross sind die Unterschiede zwischen Menschen in der Körperzusammensetzung. Auch andere Einflüsse -nicht zuletzt auch psychische- sind denkbar. So ist man auf die blosse Empirie, d. h. die Erfahrungen bei geeigneten Fällen, angewiesen. Tatsächlich liegen Befunde vor, die  als relevant angesehen werden können, bei denen -oft politisch bedingt- ein “Hungerstreik bis zum Tode” wirklich durchgeführt wurde. Eine -indessen wahrscheinliche- Schätzung bemisst nun für eine Person in mittleren Konditionen, den sogenannten “Normalverbraucher” die Überlebenszeit bei ständiger Ruhehaltung und Vermeidung jeder Störung zu etwa 60 Tagen.

Zu einem ganz besonderen Aspekt am Rande unseres Themas kann ich ein  Zeugnis aus eigener Erfahrung beisteuern. Es handelt sich um das subjektive Empfinden bei totalem Fasten, also das Hungergefühl. Nachdem, wie oben schon erwähnt, reguläre Versuche am Menschen nicht durchgeführt werden  können, blieb als Alternative der Selbstversuch der interessierten Wissenschaftler übrig. Ich beteiligte mich an solchen Untersuchungen, die neben Stoffwechselanalysen Beobachtungen der o. a. Art betrafen. In mehrfacher  Übereinstimmung wurde festgestellt und ich kann es bestätigen, dass das eigentliche Hungergefühl -wohlgemerkt bei völliger Nahrungsenthaltung- nur etwa bis zum vierten Tage andauerte. Dann war es völlig geschwunden und  von absoluter Appetitlosigkeit abgelöst, die so weit ging, dass es bei Versuchsende nach zehn Tagen einer gewissen Initiative bedurfte, überhaupt wieder etwas zu essen.

Wenn man von den seelischen Empfindungen einmal  absieht, bedeutet demnach ein längeres Fasten keine physische  Qual, was dann auch -sei er eigenwillig oder aufgezwungen- vom schliesslichen Hungertod gilt.